Redaktionsbeitrag

Auf Nimmerwiedersehen, 2021! Herzlich willkommen, 2022?

Veröffentlicht am 25.02.2022

2021 begann mit großen Hoffnungen: in eine beschleunigte, zielgerichtete Digitalisierung und in die breit angelegten Impfkampagnen. Doch heute wissen wir, dass vieles ganz anders gekommen ist und auf Hoffnungen basierende Vorhersagen schwierig sind. Gesellschaft und Wirtschaft akzeptieren die neue Realität mittlerweile als normal. Digitale Erfahrungen sind deshalb in ihrem Wert für die Menschen gestiegen; sie ergänzen und ersetzen physische Interaktionen teils dauerhaft. Das verstärkt den Bedarf an digitalen Innovationen und den Druck, schnell adäquate Angebote aufzubauen. Diese Richtung scheint unumkehrbar zu sein. Höchste Zeit, sich mit den daraus folgenden Trends für 2022 zu beschäftigen. Zehn Vorhersagen – die zwar nicht unbedingt alle eintreffen müssen (2021 lässt grüßen), aber aus heutiger Perspektive folgerichtig sind:

1. IT-Fachkräftemangel

Fachkräftemangel auf dem ersten Platz einer Trend-Liste erscheint ungewöhnlich, ist aber eine Ableitung aus der Entwicklung der letzten Jahre. Jedes neue digitale Produkt benötigt qualifizierte und motivierte Fachkräfte für Umsetzung und Betrieb.

Vor allem die Motivation, auf ein klares Ziel hinzuarbeiten, ist kaum zu unterschätzen. Sie zählt meist viel mehr als die reine Verfügbarkeit bestimmter Personen mit entsprechender Erfahrung. Genau das zeigte sich 2021, im “Jahr des Rücktritts”: Noch nie zuvor haben so viele Menschen innerhalb der IT ihren Arbeitsplatz gewechselt, zugleich war die Nachfrage nach ihnen nie höher als heute. Dieser Trend wird sich 2022 verstärken.

Für Fehler bei Mitarbeitermotivation und Management ist kein Platz mehr in unserer Arbeitswelt. Unternehmen müssen heute bereit sein, mehr Gehalt zu zahlen, flexible Arbeitszeiten und Remote-Arbeit anzubieten und eine ganze Reihe bekannter sowie neuer Vergünstigungen zu gewähren. Denn was noch vor einem Jahr außergewöhnlich war, ist heute schon Standard; die Erwartungen der Fachkräfte entwickeln sich weiter.

Um wichtige Mitarbeiter im Unternehmen zu halten, bietet es sich an, ihnen neue Rollen zu ermöglichen. So können etwa durch Weiterbildung relevante neue Positionen gefüllt und zugleich Platz für Neueinsteiger geschaffen werden.

Eine andere Lösung ist die “Demokratisierung” der Anwendungsentwicklung mit Low-Code-Plattformen und serverlosen Cloud-Diensten, NoOps anstelle von DevOps, Citizen Data Scientists und Self-Service-Datenplattformen. Das senkt den Bedarf an internen Spezialisten.

Auch die Einführung von SaaS und die Nutzung von Services wie Microsoft 365 und Salesforce kann den Druck, neue Fachkräfte zu finden, verringern.

Auf Nimmerwiedersehen, 2021! Herzlich willkommen, 2022? - Ein Blick in die Glaskugel

2. Hyperautomatisierung & vollständige Automatisierung

Die Frage, ob bestimmte Geschäfts- und IT-Prozesse automatisiert werden sollten, ist längst beantwortet. Jetzt geht es darum, die Automatisierung so schnell wie möglich voranzutreiben.

Denn auch in diesem Teilbereich der digitalen Transformation treiben neue Player traditionelle Unternehmen vor sich her. Niemand sollte sich auf den Erfolgen der Vergangenheit ausruhen, denn kein Unternehmen ist zu groß zum Scheitern.

Die Grenzen zwischen klassischer Wirtschaft und IT verschwimmen. Automatisierung bedeutet 2022: Alles wird zu Code.

3. Plattformen, APIs & modulare Unternehmen

Die aktuelle Welle der digitalen Transformation wird auch von Services wie Microsoft 365 oder Salesforce getragen. Sie bilden die Basis für den Umbau ganzer Firmen hin zum “modularen Unternehmen” oder “Composable Enterprise”. Ein Ziel dabei ist es, interne und externe APIs zu kombinieren, um neue Lösungen für Kunden und Mitarbeiter zu schaffen.

Lücken in Workflows und Funktionalitäten müssen dabei dennoch von Fachkräften geschlossen werden (siehe Punkt 1), indem sie verschiedene eigene APIs mit denen von Dienstleistern und spezialisierten API-Anbietern verbinden. Dieses Vorgehen bringt immer mehr API-Marktplätze hervor, die eine gute “Developer Experience” bieten, also Entwicklern die Arbeit erleichtern.

Apples alter Werbeslogan “There’s an app for that” (2009) kann 2022 durch „There’s an API for that“ ersetzt werden.

4.   Cloud-native Plattformen

Die hybride Cloud-Infrastruktur erfordert ein hohes Maß an Flexibilität, um die nahtlose Integration von On-Premises und mehreren Cloud-Anbietern zu ermöglichen. Kubernetes hat sich zum De-facto-”Betriebssystem” für alle modernen digitalen Workloads entwickelt, sowohl für Anwendungen und APIs als auch für Daten und maschinelles Lernen (z.B. Kubeflow). Plattformen auf der Grundlage von Kubernetes werden auch 2022 dominieren, und ihr Versprechen von Flexibilität und Benutzerfreundlichkeit wird neue Kunden anziehen.

Cloud-native Fähigkeiten werden die am meisten gefragten auf dem Markt sein. DevOps wird oft als Synonym dafür angesehen, aber 2022 wird es noch mehr bedeuten.

Auf Nimmerwiedersehen, 2021! Herzlich willkommen, 2022?

5.   Machine Learning Engineering & “Data Scientist  2.0”

Maschinelles Lernen (ML) ist nicht länger ein experimenteller Ad-hoc-Prozess. Der Trend zur Automatisierung und zum „Everything as Code“ gilt auch für Data-Science- und ML-Projekte. Die Automatisierung von Datenaufnahme, Qualitätsprüfung, Erweiterung, Training, Testing und Bereitstellung der Modelle wird noch mehr Konzepte aus der Softwareentwicklung in die Datenwissenschaft bringen.

Kubeflow und verwandte Tools werden 2022 weiter wachsen. Data Scientists und ML-Ingenieure werden bald immer mehr mit modernen Softwareentwicklern gemeinsam haben.

Man könnte sie als “Data Scientists 2.0” bezeichnen. Es gibt eine glänzende Zukunft für MLOps und DataOps.

6. Fabrics & Meshes

Data Fabrics, bei denen die gesamten Daten des Unternehmens als Produkte behandelt werden, und flexible Data Meshes werden 2022 an Popularität gewinnen.

Dies ist ein Hoffnungsschimmer für schwierige Datenprojekte: Denn datengesteuerte Unternehmen produzieren in diesem Feld schneller bessere Ergebnisse.

7. Total Experience

User Experience, Customer Experience, Developer Experience, Candidate Experience, Employee Experience, … Die Liste der “Experiences” wächst.

2022 wird das Gesamterlebnis zählen, vom einzelnen Mitarbeiter über Teams und Organisationen bis hin zu Geschäftspartnern, Produkten, Services und aktuellen sowie zukünftigen Kunden.

Ganze Lifecycles verschmelzen in einem nahtlosen Fluss digitaler Erfahrungen und Interaktionen. Das ist die Zukunft 2022 und weit darüber hinaus. Erlebnis-Ökosysteme werden die Geschäftswelt beherrschen und zwar früher, als manche erwarten.

8. NLP Engine War

Natural Language Processing (NLP) war 2021 eines der dominanten Themen in den Fachmedien. Einige Sprachmodelle weisen bereits heute nahezu menschliche Sprachfähigkeiten auf, manche gelten als kurz davor, den Turing-Test zu bestehen.

In Anlehnung an die “Browser Wars” der 1990er, 2000er Jahre kann man sagen: Es herrscht ein NLP Engine War. Die bekannten Modelle GPT-3 und GPT-J sind definitiv noch nicht das Ende der Entwicklung, 2022 werden wir GPT-4 und seine Konkurrenten erleben können.

NLP in der Cloud ist 2022 daher der beste Weg, um Anwendern noch bessere Erlebnisse zu bieten, als es bislang möglich war.

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9. Einfachheit

Aufgrund der technischen Komplexität, die zunehmend mehr Flexibilität und Elastizität der Geschäfts- und Technologieumgebungen erfordert, steigt die Nachfrage nach Einfachheit.

Viele Anbieter haben das erkannt. Sie versprechen Einfachheit und verstecken ihre komplexen Technologien hinter leicht verdaulichen APIs und Benutzeroberflächen.

Wir sollten uns “Tesler’s Law” in Erinnerung rufen: Jede Anwendung hat eine inhärente Komplexität, die nicht entfernt oder versteckt werden kann. Stattdessen muss mit ihr umgegangen werden, entweder in der Produktentwicklung oder in der Benutzerinteraktion.

Auch 2022 wird die Komplexität weiter zunehmen. Man kann sie kaum begrenzen, aber man kann sie mit anderen teilen, um sie erträglicher und handhabbarer zu machen.

Viele Unternehmen werden ihre internen Plattformen weiter verbessern und die „Inner Source“-Bewegung nutzen, um die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Abteilungen und Teams zu verbessern. Und sie werden ihre interne Komplexität verstärkt mit Produkt- und Servicepartnern teilen.

10. Partnerschaften

2021 hat uns an den Wert des Vertrauens erinnert und daran, wie wichtig es ist, sich auf langfristige Beziehungen verlassen zu können.

Die Fähigkeit, effektive Services und Produkte zu liefern, ist derzeit der am häufigsten genannte Anspruch von Unternehmen an ihre IT-Partner. Die Effektivität bezieht sich hierbei in erster Linie sowohl auf die Markteinführungszeit sowie die Qualität der Services und Lösungen.

Beim Streben nach Stabilität sind vertrauensvolle und zuverlässige Partnerschaften ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg. Im Gegensatz zu den disruptiven Geschäftsmodellen und Technologien, die in rasantem Tempo auf uns einprasseln, erfordert gerade das Bedürfnis nach Berechenbarkeit vertrauensvolle Geschäftspartnerschaften.

Vertrauensvolle Geschäfts- und Arbeitsbeziehungen werden deshalb 2022 an Relevanz gewinnen.

Auf Nimmerwiedersehen, 2021! Herzlich willkommen, 2022?