KI wird in Unternehmen häufig vor allem zur Effizienzsteigerung genutzt. Mit ihrer zunehmenden Verbreitung rücken jedoch Fragen nach Führung, Identität und Zusammenarbeit stärker in den Fokus. Die Schweizer New-Work-Expertin Sara Bumbacher setzt sich in ihrem aktuellen Buch „Menschlichkeit reloaded“ mit diesen Spannungsfeldern auseinander. Im Interview erläutert sie, warum menschliche Kompetenzen im Umgang mit KI an Bedeutung gewinnen.
1. Viele Unternehmen setzen KI vor allem zur Effizienzsteigerung ein. Warum greifen diese Ansätze Ihrer Meinung nach zu kurz und was übersehen Führungskräfte dabei?
Wenn KI ausschließlich zur Effizienzsteigerung eingesetzt wird, entsteht Angst. Mitarbeitende erleben KI dann als etwas, das ihnen etwas wegnimmt und als große Bedrohung– nicht als etwas, das sie erweitert.
Angst versetzt unser Gehirn in einen Alarmzustand. In diesem Zustand sind Innovation, Kreativität und menschliche Kompetenzen blockiert.
Entscheidend ist deshalb nicht die Technologie, sondern der Rahmen: Resonanzräume, in denen über Ängste gesprochen werden darf, in denen ausprobiert werden kann und die Frage im Zentrum steht: Was kann ich hier lernen?
Erst mit diesem Mindset wird aus der Gegenüberstellung Mensch gegen KI eine Zusammenarbeit von Menschen mit KI – und genau dort entsteht Innovation.
2. Sie sprechen von KI nicht als Technologierevolution, sondern als Führungs- und Identitätsfrage. Was bedeutet das konkret für Unternehmen im Alltag?
KI konfrontiert uns nicht primär mit neuen Technologien, sondern mit der Frage, wie menschlich wir eigentlich leben und arbeiten wollen.
Viele Organisationen versuchen, mit KI effizienter, schneller und fehlerfreier zu werden – und übersehen dabei, dass wir beginnen, uns selbst wie Maschinen zu behandeln. Den Wettlauf gegen die Maschine haben wir längst verloren.
Die Frage ist nicht, wie intelligent KI wird, sondern wie menschlich wir bleiben wollen.
Im Alltag bedeutet das, Führung neu zu denken: nicht als Kontrolle, sondern als Raum, in dem Menschen sich als Menschen zeigen dürfen. Erst dann wird KI zu einem Werkzeug, das uns erweitert – statt uns zu entlarven.
3. In Ihrem Buch betonen Sie, dass Menschlichkeit im KI-Zeitalter zum Wettbewerbsvorteil wird. Welche menschlichen Kompetenzen sind aus Ihrer Sicht wirklich unersetzbar?
Unersetzbar sind unsere Emotionen. Nicht als Störfaktor, sondern als Quelle von Verbindung, Urteilskraft und Vertrauen.
Fehlbarkeit ist keine Schwäche, sondern unsere größte Stärke. Menschlichkeit zeigt sich oft gerade in den Momenten, die wir am liebsten weglächeln oder entschuldigen würden – in Unsicherheit, Nervosität oder kleinen peinlichen Momenten.
KI erinnert uns daran, dass Perfektion kein menschliches Ideal ist. Echte Verbindung entsteht dort, wo wir nicht funktionieren müssen, sondern sein dürfen wie wir sind. Genau diese Authentizität als Basis für tiefe Verbindung kann keine Maschine ersetzen.
4. Viele Menschen haben Sorge, durch KI ersetzbar zu werden. Was macht den Menschen Ihrer Ansicht nach langfristig wertvoller als jede intelligente Maschine?
Was uns langfristig wertvoll macht, ist unsere Fähigkeit zur echten Beziehung. Menschen verbinden sich über Emotionen – über Angst, Freude, Nähe und Verletzlichkeit, wenn wir ehrlich sind.
Wenn wir Verletzlichkeit nicht als Schwäche, sondern als Stärke verstehen, entstehen daraus Werte wie Verantwortung, Sinn und Moral. Genau darin liegt die Grundlage für ethisches Handeln und nachhaltiges Wirtschaften.
Eine Umarmung, ein Blick, das Gefühl von Verstanden werden – all das entsteht zwischen lebendigen Wesen. Das kann keine Maschine leisten. KI kann vieles, aber sie hat keine Moral. Genau deshalb bleibt der Mensch unersetzbar.
5. Wenn Sie Unternehmen einen einzigen Rat mitgeben dürften, um Mensch und KI sinnvoll zusammenzubringen: Welcher wäre das und warum?
Reden Sie über Ängste und schaffen Sie bewusst Resonanzräume. Nicht punktuell, sondern strukturell – vom CEO bis zum Reinigungspersonal.
Denn die Grundlage für Lernen, Innovation und Wachstum ist psychologische Sicherheit. Erst wenn Menschen sich sicher fühlen, dürfen sie ehrlich sein, Fragen stellen und neugierig experimentieren. Genau dort entsteht ein echtes Growth-Mindset: die Offenheit zu fragen, was kann ich hier lernen? Die ist die Basis für Innovation.
KI kann uns zu besseren Menschen machen, wenn wir die Chance jetzt nutzen und unsere Position als menschliche Wesen stärken. So banal das klingt: Menschlichkeit ist das Einzige, worin wir der Maschine voraus sind – und genau darin liegt unsere Verantwortung und unser USP.






